Linke Politik, rechte Politik

Linke Politik und rechte Politik beruhen auf unterschiedlichen Menschenbildern. Das hat Konsequenzen.

Linke Politik ist egalitär. Mündige Bürger entscheiden sich nach vernünftiger Abwägung der Vor- und Nachteile für ein politisches Konzept, das ihren Interessen am besten entspricht. Politiker sind die Repräsentanten dieser Bürger, denen die Durchsetzung des jeweiligen Konzepts obliegt.

Rechte Politik ist elitär. Es gibt geborene Führer. Die Massen sind unfähig zur Führung. Sie haben aber einen Instinkt für die richtigen Leute, die ihre Interessen am besten vertreten können. Die Mannschaften der geborenen Führer haben die Aufgabe, die entsprechenden dumpfen Anmutungserlebnisse der Massen im Sinne der Führer zu formen, für die sie kämpfen.

Diese beiden Menschenbilder entsprechen selbstverständlich unterschiedlichen politischen Strategien. Die politische Strategie der Linken muss zwangsläufig das Rationale betonen, die Sache in den Vordergrund stellen und die gesellschaftlichen Strukturen bzw. die Notwendigkeit ihrer Veränderung hervorheben. Demgegenüber macht sich die politische Strategie der Rechten den Hang der Massen zur Irrationalität zu Nutze, sie rückt Personen nach dem Freund-Feind-Schema ins Blickfeld und emotionalisiert.

Charakteristisch für rechte Politik sind Verschwörungstheorien, wohingegen für linke Politik Statistiken kennzeichnend sind. Rechte Politik ist realistisch; sie nimmt die Menschen, wie sie sind; linke Politik ist idealistisch, sie nimmt die Menschen, wie sie sein sollten. Rechte Politik kollaboriert mit dem Barbaren in uns allen, wohingegen linke Politik an das spezifisch Humane, die Vernunft appelliert.

Linke Politik hat es naturgemäß schwerer als rechte. Menschen sind geistige Faulpelze. Sie denken nicht gern nach, solange sie nicht durch die Umstände handfest dazu gezwungen werden. Sie neigen dazu, politische Angelegenheiten großen Männern (die zunehmend auch weiblichen Geschlechts sein können) zu überlassen. Rechte Politik kann sich diesen Trend zu Nutze machen; sie geht den Weg des geringsten Widerstandes.

Linke Politik aber muss diese Hürde nehmen, sie muss Menschen zum Nachdenken animieren. Jeder kann rational sein. Das ist keine Frage der Intelligenz. Man muss es nur wollen. Linke Politiker brauchen Charisma. Während es für den rechten Politiker genügt, Populist zu sein, muss der linke Politiker Funken versprühen, die den Geist der Massen entzünden.

Manchen Linken dauert das zu lange. Es ist ihnen zu mühsam. Sie wollen Macht, und zwar schnell. Und so greifen sie zu Methoden, die für rechte Politik charakteristisch sind. Dies mag erfolgreich sein. Wenn es erfolgreich ist, dann verwandelt sich linke Politik in rechte Politik. Sie folgt dem Menschenbild der Rechten. Und das ist schlecht, sehr schlecht.

Linke Politik muss scheinbaren Misserfolg aushalten. Die Oppositionsbank ist hart, zugegeben. Doch was nützte es, man hätte die Regierungsmacht errungen, aber seine linke Seele verloren? Wer nicht die Volksmassen zum rationalen Denken animiert, wird niemals den Kapitalismus überwinden. Der Irrationalismus der Massen ist der Nährboden des Kapitalismus. Er muss ausgetrocknet werden.

Linke Politiker müssen demgemäß die stoischen Tugenden in sich entfalten: Gelassenheit, Beharrlichkeit, Menschenfreundlichkeit. Gelassenheit versteht sich von selbst: Sie ist die Übersetzung der Vernunft in Lebensart. Der Vernünftige ist nicht gehetzt, nicht gierig, sonst wäre er ja auch nicht vernünftig. Beharrlichkeit ist die Übersetzung der Vernunft ins Praktische; wer einen Plan hat, muss ihn auch Schritt für Schritt umsetzen und nicht heute dieses, morgen jenes Ziel verfolgen. Menschenfreundlichkeit ist die Übersetzung der Vernunft ins Erotische. Wir sind aufeinander angewiesen.

Linke Politik und rechte Politik beruhen auf unterschiedlichen Menschenbildern. Doch woher kommen diese Menschenbilder?

Menschen neigen zur Unvernunft. Kratzt man am dünnen Firnis der Zivilisation, so kommt der Barbar zum Vorschein. Dies zu ignorieren ist nicht links, sondern dumm, saudumm sogar. Dennoch: Der Mensch ist zur Vernunft begabt. Er kann, wenn er denn will, vernünftig sein.

Früher, als die Menschen noch in Kleingruppen durch eine mehr oder weniger unwirtliche, vor allem aber gefährliche Natur streiften, war es vernünftig, solidarisch zu sein. Nur Stämme konnten überleben. Streit war gefährlich für alle. Dies führte dazu, dass der Barbar in uns gezähmt wurde, der Not gehorchend.

Später dann, als sich die Klassengesellschaft entwickelte, hatten manche, die sich unsolidarisch verhielten, enormen Erfolg: Sie wurden Führer, beherrschten andere, ließen sie für sich arbeiten.

Heute ist es für viele schwer vorstellbar, dass Solidarität vernünftig sein kann, man hält sie vielmehr für sentimental. Die Solidarischen gelten als nützliche Idioten, die von Führern im Hintergrund für deren egoistische Zwecke eingespannt werden.

Dennoch ist in uns allen eine Urerinnerung an die egalitäre, solidarische und vernünftige Vergangenheit unserer Gattung lebendig. Diese Urerinnerung ist die Quelle des linken Menschenbildes. Das rechte Menschenbild wurzelt demgegenüber in der Alltagserfahrung der Klassengesellschaft. Jeder ist sich selbst der Nächste. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Jeder ist seines Glückes Schmied. So lauten die Sprüche.

Mancher wird finden, dass ich hier linke und rechte Politik allzu schematisch einander gegenüberstelle. Dies geschieht um des Kontrastes willen. Kontraste sind ja auch wichtig in der Politik. Die Bürger sollten zwischen klar unterscheidbaren Alternativen wählen können.

2 Antworten zu “Linke Politik, rechte Politik

  1. Ihre Ausführungen sind in weiten Teilen sehr plausibel. Sie scheinen mir allerdings nicht allgemein gültig.
    Jeder Hartz-4 Empfänger, am unteren Ende der sozialen Skala angekommen und nichts mehr, als die pure Existenz besitzend. In diesem Menschen müsste demnach die Urerinnerung wach werden. Für ihn müsste die linke Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, müsste linke Politik wie ein gefundenes Fressen sein. Nur um einen Aspekt zu benennen. Viele weitere ließen sich gerade bei diesen Menschen benennen. Sanktionen, Unverständnis, Zwangsmaßnahmen, fallen gelassen von der >Mitte< der Politik und die AFD am rechten Flügel steht einer Verbesserung der Situation dieses Klientels auch nicht gerade wohlwollend gegenüber. Dennoch rekrutieren sie überwiegend aus dieser Gruppe ihre Mitläufer.

    • Wer schon am 15. nicht weiß, wie er über den Monat kommen soll, wer tagtäglich sehen muss, wie er das Lebensnotwendige beschaffen kann, wer keine Perspektive am Arbeitsmarkt mehr für sich sieht, der entwickelt in aller Regel kein proletarisches Klassenbewusstsein, auch wenn er allen Grund dazu hätte. Klassenbewusstsein ist nach aller historischen Erfahrung eher bei Arbeitern zu erwarten, die sich eines bescheidenen Wohlstands erfreuen. Es ist eher in Zeiten der Vollbeschäftigung stark als in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Dies lässt vermuten, dass die Bourgeoisie Vollbeschäftigung gar nicht so gern sieht und einer Vergrößerung der industriellen Reservearmee beispielsweise durch Zuwanderung sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Eine langfristig demoralisierte Unterschicht hat oft gerade für jene ein offenes Ohr, die ihnen einen Sündenbock anbieten und ihnen für den Fall einer Beseitigung dieses Sündenbocks das Blaue vom Himmel versprechen. Allerdings entstammt die Mehrheit der AfD-Anhänger nicht dieser Schicht, dem s. g. Prekariat, sondern der sich bedroht fühlenden und beständig schrumpfenden Mittelschicht.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *