Klassenkampf

Buffett

In einem Artikel Ben Steins über einen der reichsten Männer des Planeten, der am 26. Nov. 2006 in der New York Times erschien (EVERYBODY’S BUSINESS – In Class Warfare, Guess Which Class Is Winning), findet sich der folgende bemerkenswerte Satz:

“There’s class warfare, all right,” Mr. Buffett said, “but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”

Anlass dieser Aussage war ein Gespräch des Autors mit Buffett über das amerikanische Steuersystem. Buffet hatte zuvor festgestellt, dass er einen wesentlich geringeren Anteil seines Einkommens an Steuern entrichte als beispielsweise die Angestellten in seinem Büro. Und er reduziere seine Steuerlast keineswegs mit irgendwelchen Steuertricks, sondern bezahle brav, was das Finanzamt von ihm verlange.

Im Augenblick sieht es leider und traurigerweise so aus, als ob Warren Buffett recht behalten könnte. Die Konzentration des Kapitals schreitet unaufhaltsam voran. Eine kleine Zahl multinationaler Konzerne (meist Banken) beherrscht den größten Teil der Weltwirtschaft. Und wer die Ökonomie kontrolliert, verfügt auch über eine Armee von Lobbyisten.

Merkel

Natürlich muss man sehr sorgfältig abwägen: Mitunter mag auch das, was bei oberflächlicher Betrachtung wie Klassenkampf aussieht, in Wirklichkeit Ausdruck eines freundlichen Gesichts sein, das Akteure in Politik und Wirtschaft einander zeigen. Sie ist beispielsweise unsere Bundeskanzlerin Angela Merk eng mit Liz Mohn und Friede Springer befreundet, also mit zwei Oligopolistinnen des Medienmarktes. Der Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius ist ihr Berater. Goldman-Sachs-Leute haben sich ja auch bei der Bewältigung der Bankenkrise durch die Obama-Regierung als sehr hilfreich erwiesen. Den Anstieg der Armut in den USA vermochte diese Hilfe allerdings auch nicht zu verhindern, sofern dies ein Ziel gewesen sein sollte.

Das Flaggschiff des Springer-Konzerns, dessen Chefin eine gute Freundin Angela Merkels ist, hat wiederholt den Verdacht auf sich gezogen, ein publizistisches Instrument des Klassenkampfs von oben zu sein. Belege für diese These haben beispielsweise Christian Baron und Britta Steinwachs in ihrer Analyse einer Kampagne der Bild-Zeitung gegen angeblich faule und dreiste Hartz-IV-Bezieher zusammengetragen.

Unterwerfung

Solange Klassen existieren, kämpfen sie gegeneinander. Auch wenn sie sich friedlich wähnen, sie haben sie doch eine mögliche Haltung im Kampf gewählt, nämlich z. B. den Waffenstillstand oder die Unterwerfung.

Gekämpft wird immer, weil es immer etwas zu verteilen gibt. Es vergeht kein Tag, an dem kein Reichtum produziert wird, an dem die wirtschaftlichen Prozesse stillstehen. Und so vergeht auch kein Tag, an dem die Klassen nicht in einen Kampf miteinander verstrickt sind.

Der Klassenkampf ist daher ein unmittelbarer Faktor des Wirtschaftslebens; so steigern beispielsweise durch Streiks erkämpfe Lohnerhöhungen einerseits die Kosten der betroffenen Unternehmer, andererseits aber auch die Kaufkraft der davon profitierenden Arbeiter, so dass die Nachfrage nach Konsumgütern erhöht wird.

Migration

Ein Beispiel für die Aktualität und Allgegenwart des Klassenkampfes ist die derzeitige, extrem verstärkte Migration. Migranten vergrößern die industrielle Reservearmee und könnten daher die Position der Arbeiter in Lohnfragen schwächen. Andererseits verursachen Migranten, die keine Arbeit finden, erhebliche Kosten (es könnten gut und gern € 25.000 pro Person und Jahr für Transfer- und Integrationsleistungen, Verwaltung etc. zusammenkommen), was zu einer Schmälerung der Einkommen von Einheimischen führen könnte, die auf staatliche Hilfen angewiesen sind. Selbstverständlich versucht die 1-%-Elite, diese durch Migration neu entstehenden Kosten auf die Schultern der 99 Prozent abzuwälzen.

Migration ist also Klassenkampf. Die herrschende Klasse versucht, einen Keil zwischen Migranten und Einheimische zu treiben – genauso wie sie ja auch Arbeitende und Hartz-IV-Empfänger zu entzweien trachtet. Die oligopolistischen oder staatsabhängigen Medien sind ihr dabei eine allzeit dienstbare Hilfe. Migration ist natürlich auch eine Folge des Klassenkampfs, weil die imperialistische Ausplünderung der armen durch die reichen Staaten, die gelegentlich auch zu Kriegen führt, die Arbeiter in den ausgebeuteten Staaten zur Flucht vor Bomben oder unerträglicher Armut veranlasst. Man kann den Flüchtlingsstrom teilweise auch als Kollateralschaden einer gescheiterten neokolonialistischen Politik betrachten, so dass die Kosten von den Verursachern getragen werden müssten.

Sozialpartnerschaft

Wem der Begriff des Klassenkampfes zu martialisch ist, kann natürlich auch, was unser Land betrifft, von Sozialpartnerschaft sprechen. Hier handelt es sich um zwei Wörter für denselben Begriff – zumindest aus Sicht der Arbeiterklasse. „Sozialpartnerschaft“ klingt freundlich, schließt aber Konflikte nicht aus, die jedoch mit fairen Mitteln ausgetragen werden.

Die Bourgeoisie mag die Demokratie für entbehrlich halten; die Zahl der „Global Player“, die heute die Weltwirtschaft kontrollieren, ist so klein, dass man sich auch ohne demokratischen Apparat miteinander abstimmen kann. Das Millionenheer der Arbeiterklasse ist jedoch auf eine formale Demokratie mit Wahlurnen, Parteien, Parlamenten und Regierungen, mit Gewaltenteilung und rechtsstaatlichen Normen angewiesen (zumindest unter den gegebenen Bedingungen). Und daher liegt es auch im Interesse dieser Klasse, den Klassenkampf unter den Bedingungen eines demokratischen Rechtsstaates zu führen. Dies, genau dies aber bedeutet Sozialpartnerschaft.

Als ein wesentlicher Kern des proletarischen Klassenkampfs ist heute das Ringen um den Erhalt demokratischer Rechte zu bezeichnen, die zunehmend der Arbeiterklasse entrissen und in die Hände von EU-Technokraten gelegt werden, die in wachsendem Maße dem Einfluss der Lobbyisten des internationalen Finanzsektors unterliegen. Die Bedeutung dieses Vorgangs kann man ermessen, wenn man bedenkt, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, TTIP zu mehr Arbeitslosigkeit und sinkenden Einkommen in Europa führen wird.

Bourgeoisie und Arbeiterklasse

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft existieren zwei Hauptklassen, nämlich die Bourgeoisie und die Arbeiterklasse. Die Klasse der Bourgeoisie umfasst alle, die große Vermögen besitzen, so dass sie, wenn sie wollen, arbeiten können, aber nicht müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zur Arbeiterklasse zählen alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, weil ihnen ihr Mangel an sonstigen Einkünften keine andere Wahl lässt. Das Verhältnis zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse ist durch Ausbeutung gekennzeichnet. Diese führt zu einer schwindelerregenden Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen.

Die Arbeiterklasse ist heute ein in zahllose Schichten mit vielfältigen Überschneidungen gegliederter Koloss. Es fällt schwer, gemeinsame Interessen beispielsweise zwischen einem Ingenieur und einer Reinigungskraft zu entdecken. Dennoch existieren diese, und zwar objektiv, unabhängig davon, ob dies einzelnen Mitgliedern der Arbeiterklasse bewusst ist oder nicht. Diese gemeinsamen Interessen basieren auf der Tatsache, dass die Abläufe in der Wirtschaft von einer winzigen Gruppe von Menschen maßgeblich bestimmt werden, der Bourgeoisie. Und sie fußen faktisch darauf, dass die einzelnen Mitglieder der Arbeiterklasse nur dann eine Gegenmacht entfalten können, wenn sie sich bewusst als Klasse zusammenschließen und für ihr Selbstbestimmungsrecht streiten.

Dass es zwischen den Schichten der Arbeiterklasse Interessengegensätze gibt, soll nicht bestritten werden. Diese überwiegen aber keineswegs das Interesse der gesamten Klasse daran, über den Gang der Arbeit und die Verwendung ihrer Produkte zu entscheiden. Mag auch der Unternehmer noch lange eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben spielen, so ist es doch nicht hinzunehmen, dass er gegenüber der Arbeiterklasse eine andere als eine dienende Funktion erfüllt.

Die Quelle des Reichtums

Die einzige Quelle des gesellschaftlichen Reichtums ist Arbeit. Alle Vermögen entstehen durch Aneignung eines Teils der Resultate dieser Arbeit. Je größer dieser Teil, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er allein auf eigener Arbeit beruht. Deswegen haben die Besitzer großer Vermögen objektiv andere Interesse als jene Mehrheit, die kein oder kein größeres Vermögen besitzt. Objektiv anders sind die Interessen, weil die Besitzer großer Vermögen den unverdienten Teil davon verteidigen müssen, während die Arbeiter dergleichen nicht besitzen. Nehmen wir einmal an, ein Unternehmer sei selbst in seinem Unternehmen tätig, beispielsweise als Geschäftsführer. Verdient wäre dann jener Teil seines Einkommens, der einer angemessenen Kompensation seiner Geschäftsführertätigkeit entspricht (gemessen an dem, was ein angestellter Geschäftsführer in vergleichbarer Position verdienen würde).1)Dass die abwegigen Spitzengehälter, die heute manche Unternehmen ihren leitenden Angestellten bezahlen, gekürzt werden müssten, versteht sich von selbst.

Klassenstandpunkte

Die Gesamtheit der gemeinsamen objektiven Interessen einer Klasse nennt man den Klassenstandpunkt. Er ist die Position, von der aus ein Angehöriger einer Klasse die Gesellschaft betrachtet, sobald er die Perspektive der gemeinsamen objektiven Interessen seiner Klassengenossen einnimmt.

Das objektive gemeinsame Interesse aller Menschen besteht darin, seinen  Anteil am Reichtum zu wahren oder zu steigern. Das objektive gemeinsame Klasseninteresse liegt darin, die Voraussetzungen für die Steigerung oder Wahrung des individuellen Reichtums der Klassengenossen zu verteidigen oder zu verbessern.

Ein Beispiel:

Das objektive gemeinsame Interesse der Bourgeoisie ist es, den Staat an effektiven Maßnahmen zur Sicherung der Vollbeschäftigung zu hindern, denn Vollbeschäftigung bedeutet hohe Löhne und starke Gewerkschaften.2)Arbeiter, die mit ihrer Beschäftigung ein so geringes Einkommen erzielen, dass sie ergänzend finanzielle Leistungen vom Jobcenter beanspruchen müssen, sind in Wirklichkeit kaschierte Arbeitslose. Eine Reduktion der Arbeitslosenzahl durch derartige subventionierte Arbeitsplätze auf prekärem Niveau schwächt eher die Gewerkschaftsmacht. Dies gilt auch für den auf Hartz-IV-Bezieher ausgeübten Zwang, jedwede Beschäftigung annehmen zu müssen.

Das objektive gemeinsame Interesse der Arbeiterklasse ist genau entgegengesetzt. Sie ist an staatlichen Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigung interessiert, solange nicht alle Arbeitswilligen einen Arbeitsplatz gefunden haben.

Selbstverständlich sind nicht alle Interessen in einer kapitalistischen Gesellschaft antagonistisch. Wenn beispielsweise die Straße zu einer Fabrik ausgebaut wird, so dass sich die Anfahrtszeiten verkürzen, so profitieren der Unternehmer und seine Arbeiter gleichermaßen davon. Objektiv gegensätzliche Interessen treten dann allerdings wieder bei der Frage auf, wer die Kosten der neuen Straße trägt, also in welchem Maße Arbeiter und Unternehmer besteuert werden.

Dies gilt im Übrigen für alle gemeinsamen Interesse der Gesellschaft insgesamt. Gemeinsam sind die Interessen nur bei punktueller Betrachtung. Berücksichtigt man jedoch den Gesamtzusammenhang, muss differenziert werden. Beispiel: Atomkraftwerke. Diese stellen ein unkalkulierbares Risiko dar. Man mag also darüber streiten, wie groß es ist. Nehmen wir einmal an, es sei groß genug, um die Abschaltung dieser Kraftwerke als im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegt zu betrachten. Dennoch bleibt die Frage bestehen, wer in welchem Ausmaß von den Folgekosten der „Energiewende“ betroffen ist.

Daraus folgt also, dass die Abschaltung von Atomkraftwerken nur dann im Interesse der Arbeiterklasse liegt, wenn ihr Lebensstandard dadurch nicht über Gebühr beeinträchtigt wird. Etwaige Einschränkungen müssen sich durch das objektiv reduzierte Risiko von Gesundheitsschäden in der Arbeiterklasse rechtfertigen lassen.

Klassenbewusstsein

Eine einfache Definition des Klassenbewusstseins lautet: Klassenbewusstsein ist die Wahrnehmung des Klassenstandpunkts. Das Klassenbewusstsein ist umso ausgeprägter, je entschiedener der Klassenstandpunkt eingenommen wird – in allen Fragen, die sich auf die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums beziehen. Auf der psychologischen Ebene spiegelt sich das Klassenbewusstsein in der Ernsthaftigkeit und Häufigkeit der Frage „Wem nützt das?“ wieder.

Gegenwärtig ist das Klassenbewusstsein der Bourgeoisie wesentlich besser entwickelt als das der Arbeiterklasse. Viele Arbeiter besitzen noch nicht einmal die elementare Grundlage einer proletarischen Identität. Sie wissen nicht, dass sie Arbeiter sind. Da aber bereits jeder Heranwachsende den realen Unterschied zwischen der Lebenslage eines abhängig Beschäftigten und eines Vermögenden erkennen kann – er springt ins Auge – muss dieser Identitätsdefekt als die Folge eines psychischen Abwehrmechanismus gedeutet werden.3)Ein bürgerlicher Ideologe leitet aus dieser Identitätsschwäche sogar die Behauptung ab, es gäbe heute keinen Klassengegensatz mehr und jeder sei Unternehmer und Arbeiter in einer Person, beute sich also selbst aus.

Unter Abwehr im psychischen Sinne verstehen wir die Verbannung von Vorstellungen ins Unbewusste, wobei dieser Vorgang selbst der Reflexion entzogen wird. Der Motor der Abwehr ist die Angst – und zwar eine Angst von solcher Stärke, dass der Abwehr etwas Mechanisches anhaftet; sie scheint der bewussten Kontrolle entzogen zu sein. Der Mensch fürchtet sich vor den Konsequenzen einer Vorstellung – im Allgemeinen davor, dass sie ihn zu einer Handlung verleiten könnte, für die er bestraft zu werden befürchtet. Das Bewusstwerden der eigenen Klassenlage kann eine solche Vorstellung sein. Und in der Tat kann man nur zu leicht durch Kritik an den herrschenden ökonomischen Verhältnissen anecken und eine Aktivität zur Überwindung dieser Verhältnisse ist ebenfalls nicht unbedingt karrierefördernd.

Die Abwehr erfolgt zumeist durch die Übernahme von Vorstellungen, die dem proletarischen Klassenbewusstsein entgegengesetzt sind. Dabei handelt es sich in aller Regel um ein Ensemble von Vorstellungen, die um den Gedanken kreisen, dass der Sozialismus dem Wesen des Menschen widerspreche und dass daher jeder Versuch, ihn zu realisieren, zum Scheitern verurteilt sei. Zudem seien die Menschen von Natur aus unterschiedlich begabt und unterschiedlich motiviert; daher müsse es zwangsläufig immer Arme und Reiche geben. Jeder müsse also für sich selber sorgen und versuchen, Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt durch Fleiß und Cleverness auszustechen.

„Lügenpresse“

Heute lässt die Bourgeoisie in Deutschland nicht mehr auf streikende Arbeiter schießen. Gelegentliche physische Einsätze der Polizei (Schlagstöcke, Tränengas, Wasserwerfer usw.) gegen demonstrierende Lumpenproletarier (a.k.a. „Autonome“), die sich links wähnen, liegen wohl eher im Interesse der Gesellschaft insgesamt. Dafür tobt der ideologische Klassenkampf umso heftiger.

Die Söldner in Diensten der Bourgeoisie sind Journalisten. Es ist allerdings nicht immer klar, ob sie wissen, was sie tun. Sie glauben scheinbar tatsächlich an das, was sie schreiben, wenngleich dies, bei genauerer Betrachtung unschwer als bürgerliche Propaganda durchschaut werden kann, auch wenn es den vielleicht sogar ehrlich gemeinten Eindruck journalistischer Ausgewogenheit zu erwecken versucht. Der in rechten Kreisen zur Zeit populäre Ausdruck „Lügenpresse“ wäre in diesen Fällen fraglos ungerecht, weil zur Lüge die bewusste Absicht zur Täuschung zählt. Den Journalisten der Millionärspresse will ich keine Lügen unterstellen. Vielmehr vermute ich: Sie glauben, dass wahr sei, was die Reichen und Mächtigen als Wahrheit verkündet wissen wollen.

Die Medien sind weltweit in den Händen weniger Oligarchen oder der staatstragenden Parteien und es ist daher schon erstaunlich, wie viel freier oder zumindest selbstbetrügerischer Journalismus dennoch möglich ist. Zumindest ist die Absicht zur Manipulation mitunter so geschickt getarnt, dass die Frage „Wem nützt das!“ nicht immer leicht zu beantworten ist. Häufig ist es aufschlussreicher, sein Augenmerk auf das zu richten, was nicht oder nur am Rande berichtet wird, als auf das, was die Medien an vorderster Front herausstellen.

Irrationalität der Arbeiterklasse

Selbstverständlich reicht die Steuerung der Meinung durch die staatshörigen bzw. oligopolistischen Medien nicht aus, um die eingeschränkte Rationalität zu verstehen, die heute Arbeiter in einem nie gekannten Ausmaß daran hindert, ein auch nur rudimentäres Klassenbewusstsein zu entwickeln.

Kinder sind irrationale Wesen, sie müssen erst zur Rationalität erzogen werden. Ohne entsprechende Anregung und Belehrung bleiben Menschen auf einem überwiegend irrationalen Niveau der  Wirklichkeitsauffassung stehen. Menschen sind von Natur aus geistige Faulpelze; sie neigen dazu, eher auf ihren Bauch zu hören, anstatt ihren Kopf anzustrengen. Ihren Verstand, zu dem sie ebenfalls von Natur aus begabt sind, schalten sie allenfalls dann ein, wenn sie die Verhältnisse dazu zwingen. Dabei kann es sich um natürliche Herausforderungen handeln (beispielsweise Knappheit an Lebensnotwendigem, Katastrophen) oder um einen arrangierten Zwang zur höheren Geistestätigkeit, den wir Erziehung oder Bildung nennen.

Die Irrationalität der Arbeiterklasse entsteht durch das Zusammenwirken von Schule, Universität und Medien mit dem hochgradig arbeitsteiligen Produktionsprozess, der meist nur einen punktuellen, keinen allseitigen Einsatz der Verstandeskräfte erfordert. Die kognitiven Anforderungen dieser Arbeitstätigkeiten sind vielfach so niedrig, dass sie heute unmittelbar durch die vierte industrielle Revolution bedroht sind. Der Stress, der durch die wahrgenommene Unsicherheit des eigenen Arbeitsplatzes und zukünftiger Beschäftigungsmöglichkeiten ausgelöst wird, führt ebenso zu einer Verminderung des kritischen Denkens.

Die Arbeiter sind gegenwärtig denkbar schlecht für den Klassenkampf gerüstet. Und dies nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern der Welt. Ein bedauerliches Symptom dieser Schwäche ist die abnehmende Zahl von Arbeitern, die gewerkschaftlich organisiert sind. Aus Sicht der Bourgeoisie mag dies erfreulich sein. Für die Arbeiterklasse bedeutet dies natürlich niedrigere Löhne. Auch volkswirtschaftlich, also klassenneutral betrachtet, ist die zunehmende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen verheerend; sie verringert das Wirtschaftswachstum. Im Gegensatz zu Sichtweisen, die in den Medien verbreitet werden, ist der Klassenkampf von unten (beispielsweise in Form von Streiks) keineswegs schädlich, sondern überaus nützlich für die Entwicklung einer Volkswirtschaft.

Fußnoten   [ + ]

1. Dass die abwegigen Spitzengehälter, die heute manche Unternehmen ihren leitenden Angestellten bezahlen, gekürzt werden müssten, versteht sich von selbst.
2. Arbeiter, die mit ihrer Beschäftigung ein so geringes Einkommen erzielen, dass sie ergänzend finanzielle Leistungen vom Jobcenter beanspruchen müssen, sind in Wirklichkeit kaschierte Arbeitslose. Eine Reduktion der Arbeitslosenzahl durch derartige subventionierte Arbeitsplätze auf prekärem Niveau schwächt eher die Gewerkschaftsmacht. Dies gilt auch für den auf Hartz-IV-Bezieher ausgeübten Zwang, jedwede Beschäftigung annehmen zu müssen.
3. Ein bürgerlicher Ideologe leitet aus dieser Identitätsschwäche sogar die Behauptung ab, es gäbe heute keinen Klassengegensatz mehr und jeder sei Unternehmer und Arbeiter in einer Person, beute sich also selbst aus.

4 Antworten zu “Klassenkampf

  1. „Das objektive gemeinsame Interesse der Bourgeoisie ist es, den Staat an effektiven Maßnahmen zur Sicherung der Vollbeschäftigung zu hindern, denn Vollbeschäftigung bedeutet hohe Löhne und starke Gewerkschaften.2)“

    Müsste es aber nicht gerade hier eigentlich eine – wenn nicht vollständige, so doch weitgehende – Überschneidung der Interessen von Kapital und Arbeit geben?

    Die Wirtschaft kann langfristig nur wachsen, wenn das Masseneinkommen entsprechend mitwächst. Das Masseneinkommen aber hängt von den Löhnen ab.
    Höhere Löhne sind aus unternehmerischer Sicht zwar einerseits ein Kostenfaktor, fließen andererseits in Gestalt höherer Konsumausgaben aber in den Wirtschaftskreislauf und zu den Unternehmen zurück. Man könnte meinen, dass sich dies ausgleicht, aber dies ist nicht der Fall. Eine Wirtschaft mit höheren Löhnen und höheren Konsumausgaben bedeutet höhere Umsätze (und ein höheres BIP) als eine mit niedrigen Löhnen und niedrigen Konsumausgaben. Höhere Umsätze ermöglichen letztlich dann aber auch mehr Wachstum und höhere Gewinne für Unternehmen.
    Mehr noch: Wenn die realen Löhne immer gleich bleiben, dann kann die Wirtschaft langfristig praktisch überhaupt nicht mehr wachsen.

    Zudem scheint zu viel Ungleichheit volkswirtschaftlich schädlich zu sein, da einkommensschwache Haushalte eher konsumieren als einkommensstarke. Dies scheint auch empirisch belegbar zu sein.
    Es müsste also eigentlich im objektiven Interesse der Reichen sein, dass die Löhne in etwa der Produktivität folgen und nicht zu extrem divergieren.

    Allzu hohe Löhne wiederum würden das Wirtschaftswachstum behindern oder Inflation mit sich bringen. Dies kann weder im Interesse von Arbeitnehmern noch von Unternehmern sein.

    Natürlich können einzelne Länder eine Beggar-thy-Neighbour-Politik betreiben und auf den (wachsenden) Konsum der ausländischen Arbeiter setzen. Das kann auf Dauer aber nicht gut gehen. Und für die Welt insgesamt geht es eh nicht auf.

    Eher dort, wo es um den Besitz von Produktionsmitteln geht, müssten vielleicht Interessenskonflikte auftreten – bei der Frage der Löhne hingegen wäre doch eigentlich eine (relative weitgehende) Übereinstimmung der Interessen zu erwarten.

    • Theoretisch haben Sie recht, praktisch aber sieht es zur Zeit so aus, dass die Leute mit sehr viel Geld eher dazu neigen, im Finanzsektor zu operieren und nicht dazu, in die Realwirtschaft zu investieren. So meint man, schneller und einfacher Gewinne erzielen zu können. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson hat dieses Phänomen in seinem neuen Buch „Killing the Host“ präzise analysiert. Harsch formuliert: Man ist heute am Wachstum der Realwirtschaft weniger interessiert als daran, Volkswirtschaften finanzkapitalistisch wie eine Zitrone auszupressen. Was beispielsweise mit Griechenland geschieht, zeigt unmissverständlich, wohin die Reise geht. Dass die Regierungen und internationale Organisationen diesen Trend unterstützen, beweisen beispielsweise die Rettungen angeblich systemrelevanter Banken und damit der Großaktionäre und Finanzjongleure. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen finanz- und realkapitalistischen Spielanordnungen von Stephan Schulmeister.

  2. Vielen Dank für die Hinweise!
    Den interessanten Text von Schulmeister habe ich auf Ihre Anregung hin gelesen.

    Im Grunde schon deprimierend. Vor allem, dass man ja schon mal viel weiter war und dann wieder in all die alten Fehler zurückgefallen ist. Es müssten in dieser Krisensituation eigentlich diejenigen, die (vornehmlich) mittels realer Wirtschaft ihr Geld verdienen – also Arbeitnehmer und „echte“ Unternehmer – zusammenstehen und mit vereinten Kräften alles daran setzen, dass der gegenwärtige Finanzkapitalismus gestoppt und das ganze Anreizsystem verändert wird. Und sei es wenigstens im Sinne einer „Kriegskoalition“.

    Aber das neoliberale Denken scheint ja so stark zu sein – insbesondere auch in Deutschland und auch in jenen Parteien, die einmal als „links“ galten -, dass diese Zusammenhänge von vielen nicht erkannt werden.

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