Elite, Volk, Psychiatrie

Als ich 1951 geboren wurde, war die Bundesrepublik Deutschland knapp 2 Jahre alt. Die Hungerjahre nach dem Krieg lagen hinter uns. Es begann das Wirtschaftswunder. In der Schule, im Gemeinschaftskundeunterricht lernte ich, dass die Klassengesellschaft nun endlich überwunden sei. In der Demokratie sei jeder seines Glückes Schmied. Mit Fleiß, die gehörige Klugheit vorausgesetzt, könne jeder in unserer Gesellschaft aufsteigen.

Inzwischen habe ich gelernt, dass dies niemals den Tatsachen entsprach. Deutschland ist, auch im internationalen Vergleich, ein Staat mit extrem ungleicher Vermögensverteilung.1)Markus M. Grabka und Christian Westermeier: Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland. DIW Wochenbericht Nr. 9.2014, 26. FEBRUAR 2014, 151-164

Nach wie vor hängen Bildungs- und Aufstiegschancen vor allem vom sozio-ökonomischen Status der Eltern ab. Wer auf die Führungsebene der deutschen Wirtschaft aufsteigt, stammt fast ausnahmslos aus der Oberschicht oder der gehobenen Mittelschicht.2)Michael Hartmann: Eliten in Deutschland – Rekrutierungswege und Karrierepfade. In: Das Parlament, Aus Politik und Zeitgeschichte. 10, 2004, S. 17–21

Es gibt Menschen, die in skandalösem Reichtum schwelgen. Dies ist eine Minderheit, eine winzige Minderheit, die große Teile unseres Volksvermögens kontrolliert. Durch eigene Leistung allein kann man niemals so reich werden.

Es gibt Menschen, die in bitterer Armut leben. Dies ist ebenfalls eine Minderheit, aber eine erheblich größere Minderheit, eine vielfach größere Minderheit.

Dazwischen leben jene, die ihre Haut zu Markte tragen dürfen, tragen müssen, immer vom Abstieg bedroht, manche von meist illusionären Aufstiegsträumen erfüllt.

Die da oben und wir da unten haben unterschiedliche Interessen, wie sollte es anders sein? Die da oben leben in großen Häusern auf weitläufigen Grundstücken hinter hohen Zäunen, wo uns an den Toren ohne Namensschild die Kameras beäugen. Solange wir uns in unser Schicksal fügen, solange wir uns mit dem bescheiden, was die da oben uns zuteilen, bleiben wir unbehelligt. Doch wehe, einer muckt auf.

Wer gegen Gesetze verstößt, kommt in den Knast. Wer stört, ohne gegen Gesetze zu verstoßen, verschwindet in der Psychiatrie. Wer stört und gegen Gesetze verstößt, wird in den Maßregelvollzug verfrachtet. Diese einfache Faustformel mag übertrieben klingen, aber sie trifft den Kern der Sache.

Die Patienten der Zwangspsychiatrie leben in großen Häusern auf weitläufigen Grundstücken hinter Zäunen, wo uns an den Toren ohne Namensschild Kameras beäugen.

Dies ist die extreme Gegenüberstellung zwischen den unvorstellbar Reichen und Mächtigen und den unerhört Armen und Ohnmächtigen: Die Villen der Reichen auf der einen und der Psycho-Knast auf der anderen Seite.

Das Volk schert sich nicht um die hochgelehrten Meinungen der Ökonomen und der Psychiater, die im Dienst der Reichen stehen. Es spürt, was inzwischen als erwiesen gelten darf. Die Weihetempel der Wissenschaften, die Universitäten tanzen nach der Pfeife der Superreichen.3)Christian Kreiß: Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienste der Konzerne. Berlin: Europa-Verlag, 2015

Dem Volk sind beide Welten fremd. Es misstraut sowohl den Reichen, als auch den angeblich psychisch Kranken. Und dieses Misstrauen ist ja auch nachvollziehbar, denn über beide Welten wissen wir sehr wenig. Die Ultrareichen lassen sich nicht in die Karten schauen. 4)Hans Jürgen Krysmanski: 0,1 % – Das Imperium der Milliardäre. Westend, Frankfurt am Main (2012), 2. Aufl. 2015. Und die tatsächlichen Verhältnisse in der Psychiatrie werden durch die einschlägige Wissenschaft systematisch verschleiert.5)Peter C. Gøtzsche: Deadly Psychiatry and Organised Denial. Kindle Edition, 2015

Da das Volk die Zusammenhänge und Hintergründe nicht durchschaut, nicht durchschauen kann, ist das Misstrauen verständlich. Im Allgemeinen berichten Presse und Fernsehen nicht darüber, dass die Psychiatrie den Reichen nicht nur zur Ausgrenzung dient, sondern dass sie auch kräftig daran verdienen. Man darf dreimal raten, wie es wohl kommt, dass die Medien sich dabei zurückhalten.6)Ben Goldacre: Die Pharma-Lüge. Kiepenheuer & Witsch, Köln August 2013

Interessierte Kreise der Pharma-Industrie verfälschen Studien zur Wirkung ihrer Medikamente, lassen sie bei Nicht-Gefallen unter den Tisch fallen, korrumpieren Ärzte, Politiker und Zulassungsstellen; kurz: sie verhalten sich wie die Mafia, im Dienste des Profits.7)Peter C. Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert. Riva, München 2014

Daher glauben viele auch, dass es für die „psychisch Kranken“ das Beste sei, ihre Pillen zu nehmen. Man selbst aber zieht es vor, zur Psychiatrie auf Abstand zu gehen und ist froh, dass man dieses Teufelszeug nicht schlucken muss. Nicht nur die psychisch Kranken, auch die Psychiater stehen im Denken des Volks nicht hoch im Kurs. Sie haben unter den Ärzten nicht gerade den besten Ruf.

Das Volk spürt, dass ihm von den ökonomischen und psychiatrischen Eliten nicht die Wahrheit gesagt wird; aber es kann sein Unbehagen nicht in Erkenntnis verwandeln, weil das Fernsehen allenfalls im Spätprogramm über Hintergründe berichtet und weil in der Zeitung höchstens Verklausuliertes darüber zu lesen ist. Die Elite führt das Volk hinters Licht, verschweigt ihm die Wahrheit.

Unsere Gesellschaft steckt in einer tiefen Krise. Dies wird zur Zeit überdeutlich in Sachen „Asylbewerber“. Während täglich Tausende in unser Land strömen, oft unkontrolliert, bietet unsere Regierung ein Bild der Zerstrittenheit und Konfusion. Man hat den Eindruck, als befände sich unser Land im Freiflug Richtung Abgrund.

Die Psychiatrie kann sich freuen, denn in solchen Zeiten steigt die Zahl der Menschen, die nicht mehr ein, noch aus wissen. In solchen Zeiten brummt das Geschäft der Psychiatrie und der Psychopharmaka-Hersteller.

Viele Verängstigte fordern Zäune rund um Europa oder rund um Deutschland. Wahrscheinlicher als solche Bauprojekte ist aber die bessere Bewachung der Zäune rund um die Villen der Reichen und der Psycho-Knäste für die Armen.

Im deutschen Sprachraum gibt es nur wenig Bücher, die diese Hintergründe beleuchten. Das ist in Amerika und Großbritannien inzwischen anders. Leider können oder wollen in Deutschland nur wenige englische Bücher lesen. Da es sich hier jedoch um ein Problem handelt, das auch in Deutschland Millionen Menschen betrifft, erlaube ich mir an dieser Stelle, für meine eigenen Bücher Werbung zu machen.

  • In meinem Buch Holzwege der Psychiatrie habe ich die wissenschaftlichen Belege dafür zusammengetragen, dass es sich bei den psychiatrischen Diagnosen um bloße Mutmaßungen handelt, dass man die Ursachen psychischer Krankheiten nicht kennt, dass Psychopharmaka mehr schaden als nutzen, dass Psychotherapien allenfalls einen Placeboeffekt besitzen und dass seelisch Leidende im Grunde sich selbst helfen müssen, weil nur sie selbst es in der Hand haben, ob sie weiterhin unglücklich sein wollen oder nicht.
  • In meinem Buch Kritisches Lexikon der psychischen Krankheiten setze ich mich dem Stand des Nicht-Wissens zu den psychiatrischen Diagnosen auseinander.
  • Mein Ratgeber Alternativen zur Psychiatrie richtet sich an Menschen, die der Stigmatisierung durch eine psychiatrische Diagnose entgehen und sich selbst helfen wollen.
  • Meine Streitschrift „Krankheit oder Unart“ beschäftigt sich mit der Funktion der Psychiatrie in der modernen Gesellschaft und geht der Frage nach, warum sie so viele trotz ihres erbärmlichen Zustandes nicht in Frage stellen.
  • Der Band Seltsame Vögel, tiefe Schürfer und Whistleblower schließlich versammelt eine Reihe von Aufsätzen, die sich den theoretischen Grundlagen einer fundierten Psychiatriekritik widmen.

Der Held meiner Jugend, der demokratisch sozialistische Soziologe Leo Kofler, unterschied – ich hab’s noch im Ohr, als wäre es gestern gewesen – zwischen Bildung, Halbbildung und Unbildung. Er sagte, in einer der Vorlesungen, an denen ich teilnahm, die Unbildung des Proletariats sei im Allgemeinen der Halbbildung der durch Universitäten verbildeten Akademiker eindeutig überlegen. Dies gibt mir Hoffnung. Mitunter erleben „einfache“ Menschen in Momenten der Not Sternstunden einer ursprünglichen, einer nicht intellektuell verarbeiteten Einsicht und handeln entsprechend gemeinsam, wie ein Volk.

Fußnoten   [ + ]

1. Markus M. Grabka und Christian Westermeier: Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland. DIW Wochenbericht Nr. 9.2014, 26. FEBRUAR 2014, 151-164
2. Michael Hartmann: Eliten in Deutschland – Rekrutierungswege und Karrierepfade. In: Das Parlament, Aus Politik und Zeitgeschichte. 10, 2004, S. 17–21
3. Christian Kreiß: Gekaufte Forschung. Wissenschaft im Dienste der Konzerne. Berlin: Europa-Verlag, 2015
4. Hans Jürgen Krysmanski: 0,1 % – Das Imperium der Milliardäre. Westend, Frankfurt am Main (2012), 2. Aufl. 2015
5. Peter C. Gøtzsche: Deadly Psychiatry and Organised Denial. Kindle Edition, 2015
6. Ben Goldacre: Die Pharma-Lüge. Kiepenheuer & Witsch, Köln August 2013
7. Peter C. Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert. Riva, München 2014

Eine Antwort zu “Elite, Volk, Psychiatrie

  1. […]; aber es kann sein Unbehagen nicht in Erkenntnis verwandeln, weil das Fernsehen allenfalls im Spätprogramm über Hintergründe berichtet und weil in der Zeitung höchstens Verklausuliertes darüber zu lesen ist. Die Elite führt das Volk hinters Licht, verschweigt ihm die Wahrheit.[…]
    […]Die Psychiatrie kann sich freuen, denn in solchen Zeiten steigt die Zahl der Menschen, die nicht mehr ein, noch aus wissen. In solchen Zeiten brummt das Geschäft der Psychiatrie und der Psychopharmaka-Hersteller.[…]

    Dazu nur eine aktuelle Titelseite – ein Schelm, der dabei an kausale Zusammenhänge denkt.

    http://s2h.shop.pm-magazin.de/media/catalog/product/cache/89/image/248x/17f82f742ffe127f42dca9de82fb58b1/P/M/PM_-_Fragen_und_Antworten-00011_2015_910275839_1409225_r333.jpg

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