Kinder

Kinder sind gute Soldaten. Sie lernen schnell, sind gehorsam, leicht zu begeistern. Ihre Moral hat sich noch nicht entwickelt oder noch nicht gefestigt. Sie übernehmen ihre Wertmaßstäbe von Erwachsenen, die sie lieben, bewundern oder fürchten. Ihre Persönlichkeit gleicht einem biegsamen, frischen Trieb.

Kein Wunder also, dass weltweit Kindersoldaten aktiv sind. Und sie sind effektiv. Viele militärische Aufgaben können von Kindern bewältigt werden. Kinder können Risiken schlecht einschätzen. Sie sorgen sich nicht um die Zukunft. Wenn man sie zu nehmen weiß, sind sie mutig wie Löwen.

Kinder eignen sich besser als Erwachsene zur Gehirnwäsche. Ihre Psyche hat sich noch nicht ausgeformt. Sie ist noch kein stabiles Gebäude aus Erfahrungen, Einsichten, Einstellungen und Lebenshaltungen.

Jede Gehirnwäsche verläuft in drei Phasen:

  • Auftauen: Man setzt einen Menschen unter extremen Stress, bis er seinen Bruchpunkt erreicht. Er wird dann hochgradig suggestibel.
  • Verändern: Im “aufgetauen” Zustand wird er indoktriniert. Ihm wird eingeschärft, was unter bestimmten Bedingungen von ihm erwartet wird.
  • Einfrieren: Nach dieser Dressur wird er seiner Fähigkeit beraubt, sich kritisch mit dem Gelernten auseinanderzusetzen. Die Methoden reichen vom systematischen Bestrafen “neugieriger” Fragen bis hin zur künstlichen Amnesie (bestimmte Drogen, Elektrokrampfbehandlung).

Den Möglichkeiten der Variation dieses Grundmusters setzt nur die Fantasie Grenzen. Es ist auch nicht immer massiver Zwang nötig, um eine Gehirnwäsche zu verwirklichen, vor allem bei Kindern nicht. Den zum Auftauen erforderlichen extremen Stress kann man z. B. durch Mutproben erzeugen, an denen die Kinder freiwillig und mit (anfänglicher) Begeisterung teilnehmen. Die Indoktrination kann als religiöse Übung getarnt werden, die zu vollziehen jedem gottesfürchtigen Menschen zur Ehre gereicht.

Ein zum Suizidbomber ausgebildeter Kindersoldat ist eine gefährliche Waffe. Wer wittert die Gefahr, wenn er in scheinbar arglose Kinderaugen schaut? Kinder stimmen uns hilfsbereit, und so laufen wir Gefahr, sie bei dem blutigen Handwerk zu unterstützen, zu dem sie von skrupellosen Tätern abgerichtet wurden. Von Natur aus sind wir bei Kindern, auch bei fremden, nicht auf Ab-, sondern auf Zuwendung geeicht.

Der Bundesverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) hat eine Expertise herausgegeben, in der es heißt:

“Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass gegenwärtig der vorgeschriebene gesetzliche Schutz von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen vielfach nicht umgesetzt wird. Ein großer Teil der geflüchteten Kinder und Jugendlichen wird nicht entsprechend gesetzlicher Standards versorgt und betreut. Viele der geflüchteten Kinder und Jugendlichen können ihr Recht auf Bildung, Teilhabe und Beteiligung nicht ausüben. Die Stationen und Verfahren zur vorläufigen Inobhutnahme, Verteilung, regulären Inobhutnahme und zur Bestellung eines Vormundes dauern länger als gesetzlich vorgesehen und vielerorts werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge lediglich notversorgt, da es an der erforderlichen Infrastruktur in der Jugendhilfe fehlt.”

Die Dimension ist beachtlich: Im vergangenen Jahren kamen mehr als 42300 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in unser Land. Über ihren Hintergrund wissen wir teilweise recht wenig bis gar nichts. Rund 6000 junge Flüchtlinge sind angeblich spurlos verschwunden. Die Zahlen sind umstritten, aber gerade dies sollte Anlass zur Sorge und nicht zur Beruhigung sein.

Betreuer warnen nach dem Attentat von Würzburg davor, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Eine Gefahr könne auch von jungen Menschen ausgehen, die im Lande aufgewachsen seien. Korrekt: Auch im Lande aufgewachsene Kinder könnten sich zeitweilig im Ausland aufgehalten haben und dort zu Suizidbombern ausgebildet worden sein.

Generell aber gilt, dass junge unbegleitete Flüchtlinge in fast allen Fällen nicht gefährlicher sind als ihre deutschen Altersgenossen. Sie werden dieselben Lausbubenstreiche begehen, sie werden sich dem guten Rat von Erwachsenen widersetzen, wie andere Kinder ja auch. Manche werden ihren Betreuern größere Sorgen bereiten, weil sie durch Krieg und Flucht traumatisiert wurden, andere werden sich gut entwickeln, integrieren und zu schönsten Hoffnungen berechtigen.

Wenn überhaupt, dann sind nur wenige von ihnen Schläfer, die z. B. durch einen Telefonanruf aktiviert und in Zeitbomben verwandelt werden können. Und wenn ich sage, dass sich der Staat verstärkt um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmern muss, dann habe ich nicht in erster Linie diese wenigen im Blick, die es zu entschärfen gilt. Sondern dann meine ich die Mehrheit der Harmlosen, die wir nicht verkommen lassen dürfen, denn sonst werden sie womöglich auch ohne Dressur in ihren Herkunftsländern zum Problem – zu einem Problem, das wir dann selbst zu verantworten haben.