Defekt des Gewissens

Meine These lautet: Das Gewissen ist angeboren. Es wurde im Tier-Mensch-Übergangsfeld, also in der Urzeit zu einem Bestandteil der menschlichen Erbanlagen. Es ist eine Instanz in unserer Psyche, die fest in unserem Nervensystem verdrahtet ist. Sie bildet die Grundlage für die Frage, welche Konsequenzen unser Handeln für andere hat und wie wir nach Möglichkeit unnötige negative Konsequenzen für andere vermeiden können. Diese Verdrahtung hat sich evolutionär herausgebildet, weil die frühen Menschen Kleingruppenwesen und bedingungslos aufeinander angewiesen waren.

Gewissensbedingte Konflikte sind nur zu oft unvermeidlich. Wenn man die Interessen anderer berücksichtigt, kommen mitunter die eigenen zu kurz. Nur zu leicht also könnte der Mensch geneigt sein, sich über die Stimme des Gewissens hinwegzusetzen – und deswegen hat sich in der Evolution ein Merkmal des Gewissens herausgebildet, nämlich, dass es zu beißen vermag. Es versteht sich daher von selbst, dass Menschen immer schon erfinderisch waren, wenn es galt, die durch Gewissensbisse verursachten Schmerzen zu lindern. Eine Paradestück dieser Kreativität ist die bürgerliche Nationalökonomie; sie lehrt: Gerade weil die Unternehmer egoistisch sind (nur den Shareholder Value im Blick haben), helfen sie der „unsichtbaren Hand des Marktes“, dem Gemeinwohl zu dienen und das Beste für alle herauszuschlagen. Stimmt zwar nicht, ist aber dennoch genial.

Führen wir uns vor Augen, dass sich unser Gewissen herausbildete, als es keine (oder kaum) Ungleichheit der Vermögen und Einkommen gab. Unter solchen Bedingungen fällt es leichter, dem Gewissen zu folgen, weil sich Gewissenlosigkeit noch nicht so gut auszahlen konnte wie beispielsweise für Milliardäre in unserer Zeit. Deswegen sind die ausgefeiltesten Strategien zur Gewissensbeschwichtigung Erfindungen späterer Zeiten, nachdem sich Klassengesellschaften etabliert hatten. Egoismus war für die jeweils Mächtigeren  noch nie so profitabel wie heute. Man kann heute die Früchte von Gewissenlosigkeit besser schützen als in der Jungsteinzeit.

Wer immer nur vor dem TV-Gerät hockt und Chips frisst, hat irgendwann einmal Mühe, die Treppe heraufzukommen, weil die unterbeschäftigten Muskeln sich mit der Zeit zurückbilden. So ist das auch mit den Muskeln des Gewissens. Je häufiger man Gewissensbeschwichtigungsstrategien anwendet, desto schwächer und schwächer werden sie.

Die Lebensbedingungen auf unserem Planeten sind ungleich verteilt. In einigen Gegenden herrscht Frieden und Wohlstand, in anderen Armut und Krieg. Dies stellt natürlich unser Gewissen vor eine Herausforderung. Denn die unausweichliche Folge dieser Ungleichverteilung ist Migration. Menschen, in deren Ländern Krieg und Armut herrschen, streben in Länder, die durch Frieden und Wohlstand gesegnet sind.

Da stehen sie nun vor der Grenze, mühselig und beladen, gezeichnet von Not und Verfolgung, bitten um Einlass. Und unser Gewissen zwingt uns, die entsprechenden Fragen zu stellen. Die einen rufen: Nein, kehrt zurück in eure Heimatländer. Ihre Gewissensbeschwichtigungsstrategie lautet: Das sind ja doch nur Wirtschaftsflüchtlinge, die sich in unserer sozialen Hängematte ein bequemes Leben machen wollen. Die anderen rufen: Refugees welcome. No borders, no nations. Kein Mensch ist illegal. Sind das die Leute mit intaktem Gewissen?

Erinnern wir uns an die vorangestellte Definition des Gewissens. Es will, dass wir uns die Fragen stellen: Welche Auswirkungen hat unser Handeln auf andere? Wie können wir unnötige negative Auswirkungen auf andere tunlichst vermeiden?

Eigentlich sollte diese Forderung doch erfüllt sein, wenn wir Flüchtlinge ins Land lassen, weil sie anderswo Krieg und Not erleiden müssen und wir es uns leisten können, ihnen ein besseres Leben zu bieten. Da gibt es doch keinen Grund für Gewissensbisse und auch keinen Anlass für den Einsatz von Gewissensbeschwichtigungsstrategien. Oder etwa doch?

Irgend etwas scheint hier nicht zu stimmen. Wie sonst könnte man Argumente wie folgende erklären: Flüchtlinge machen unser Land vielfältiger und bunter. Sie verjüngen es. Sie zahlen später einmal unsere Rente. Sie wirken dem Fachkräftemangel entgegen. Ist das vielleicht nicht auch eine Strategie zur Beruhigung unseres Gewissens. Warum beißt es uns, obwohl wir doch alles richtig gemacht, die richtigen Fragen gestellt haben?

Haben wir das? Haben wir uns ernsthaft gefragt, wie es sich auf andere auswirkt, wenn wir die Migranten ins Land lassen? Haben wir tatsächlich alle Dimensionen dieses Problems gründlich bedacht? Lässt uns unser Gewissen vielleicht im Stich? Straft es uns sadistisch, obwohl wir ihm entsprochen, obwohl wir uns als gute Menschen erwiesen haben?

Wenn unser Gewissen in der Evolution entstanden ist, so bedeutet dies: Es erhöhte die individuelle Fortpflanzungswahrscheinlichkeit. Und zwar dadurch, dass es die Überlebenswahrscheinlichkeit des mit uns eng „blutsverwandten“ Clans steigert. Das Gewissen des Urmenschen, dem von Fremden das eigene Territorium streitig gemacht wurde, hätte wohl eine eindeutige Sprache gesprochen: Nein, lasst sie nicht herein! Schützt eure Lieben vor Raubbau an euren knappen Ressourcen!

Gemessen an den Erfordernissen moderner Zeiten hat unser Gewissen einen Defekt, einen Mangel. Die moderne Welt ist eine mobile, eine Welt in Bewegung. Die Welt der Urmenschen war dünn besiedelt. Heute drängen die Menschen in die Zentren. Unter solchen Bedingungen ist unser Gewissen überfordert: Es spricht keine eindeutige Sprache mehr. Es sendet doppelte Botschaften aus. Es unterwirft uns einem fortgesetzten Gewissenskonflikt.

Heute müssen wir lernen, unsere Vernunft nicht nur über unsere Triebe, sondern auch über unser Gewissen, unser Überich dominieren zu lassen. Unsere Vernunft hat die überaus hilfreiche Eigenschaft, von den genetisch verankerten Automatismen abgekoppelt zu sein. Wer vernünftig ist, reagiert nicht wie ein Automat. Er lässt sich auch nicht durch Gewissensbisse zu Handlungen zwingen, die der Situation nicht angemessen sind. Er wägt ab, in alle Richtungen. Er denkt systemisch, letztlich in den Kategorien des Weltsystems.