Gott ist groß

Für einen Gläubigen, der sich zu einer monotheistischen Religion bekennt, ist Gott die absolute Autorität des Universums. Man kann mit Gott nicht verhandeln. Seine Gesetze gelten auch nicht nur für jene, die an ihn glauben. Sie sind unbedingt gültig. Wer von seinem Glauben durchdrungen ist, kann diesen Grundsatz nicht bestreiten, ohne sich in einen Selbstwiderspruch zu verstricken.

Demgegenüber unterwirft sich der Demokrat, der seine politische Weltanschauung ernst nimmt, nur den Gesetzen, die von einem frei gewählten Parlament beschlossen wurden. Diese Gesetze sind für alle verbindlich, nicht nur für jene, die hinter den jeweiligen Mehrheiten im Parlament stehen. Auch Gläubige, die sich zu einer monotheistischen Religion bekennen, müssen sich ihnen unterordnen.

Der Widerspruch zwischen einer monotheistischen Religion und einer parlamentarischen Demokratie ist also offensichtlich. Er kann auch nicht schöngeredet werden. So mag beispielsweise das moderne Christentum aufgeklärt sein und sich den Beschränkungen unterworfen haben, die ihm eine freiheitlich demokratische Grundordnung auferlegt.

Allein dies ändert nichts an der Tatsache, dass für den frommen Christen Gott die höchste Autorität des Universums ist. In einer Demokratie aber ist das Volk souverän. Es gibt also keine Autorität, die über dem Volk steht. Übertrüge das Volk in freier, geheimer und gleicher Wahl die höchste Autorität auf eine Instanz über ihm, so wäre dies freilich sein gutes Recht, aber es hätte durch diese Entscheidung die Demokratie abgeschafft.

Es ist deswegen keine historische Skurrilität, dass der Papst in Rom als absoluter Monarch über den Vatikanstaat gebietet. Dieses Verhältnis bringt die Essenz der Beziehung von Staat und monotheistischer Religion zum Ausdruck. Keine vergangene oder für die Zukunft erhoffte Aufklärung kann daran etwas ändern. Das grundlegende Konstruktionsprinzip monotheistischer Religionen steht in einem antagonistischen Widerspruch zum grundlegenden Konstruktionsprinzip parlamentarischer Demokratien.

Der Kampf um die Demokratie ist noch längst nicht gewonnen, auch wenn der antagonistische Widerspruch ideologisch verschleiert wird. In Ländern wie Deutschland fällt es leicht, diesen Gegensatz zu übertünchen, weil sich viele Bürger innerlich von der Religion entfernt haben und ihnen diese Frage exotisch und antiquiert vorkommt. Angesichts muslimischer Zuwanderung macht sie die plötzliche Aktualität dieser Frage oft hilflos. Es kommt ihnen so vor, als stünde plötzlich ein längst überwunden geglaubter Konflikt erneut auf der Tagesordnung.

Doch dies ist nicht der Fall. Das ist ein altes Stück. Wir haben nur lange versäumt, uns mit dem Implikationen dieses nach wie vor ungelösten Konflikts näher auseinanderzusetzen. Manch einer mag meinen, er habe ihn durch Kirchenaustritt endgültig von sich abgetan, da er ja nun keine Kirchensteuer mehr zahle und die Sache für ihn erledigt sei.

Ist sie aber nicht. Der Kampf geht weiter. Die Rechte der Frauen, von Minderheiten, die sich religiösen Geboten nicht fügen wollen oder können,  kurz: die Menschenrechte stehen auf dem Spiel. Wollen wir eine von der Ratio bestimmte Gesellschaft, die sich an den Erkenntnissen der Naturwissenschaften orientiert? Oder wollen wir eine Gesellschaft, in denen Vertretern göttlicher Gebote eine demokratisch nicht legitimierte Macht eingeräumt wird? Menschenrecht kontra Gottesrecht: Das ist hier die Frage.

Der aufgeklärte Demokrat, dem die Religionsfreiheit heilig ist, sagt, dass Religion Privatsache sei. Gut. Doch für den frommen Monotheisten ist, kann Religion niemals Privatsache sein. Würde er sich dazu bekennen, geriete er unmittelbar in einen Widerspruch mit sich selbst. Und sofern er dies nicht durchschaut, beruht seine Einstellung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und zur Volkssouveränität auf einer Lebenslüge.

Es ist in konservativen Kreisen zur Zeit gebräuchlich, sich in der Auseinandersetzung mit dem Islam auf unsere historisch verwurzelte christliche Leitkultur zu berufen. Nimmt man dies ernst, so ist damit auch ein Bekenntnis zu den Kreuzzügen, zur Judenverfolgung und Ketzerverbrennung verbunden. Auch dies nämlich sind historische Wurzeln, die man unter dem Sammelbegriff der Leitkultur zusammenfassen muss.

Es sollte sich eigentlich von selbst verstehen, dass dies nicht die Leitkultur einer demokratischen Gesellschaft ist. Unsere Leitkultur wurde auf den Barrikaden von jenen Bürgern geschmiedet, die im Kampf gegen Fürstenwillkür und Pfaffentrug ihr Blut vergossen. Die demokratische Leitkultur tönt nicht aus Kirchen, Moscheen und Synagogen, sondern aus den hohen Häusern des Volkes, aus den Parlamenten.

Demokraten leben heute in gefährlichen Zeiten. Es vollzieht sich, hinter demokratischen Fassaden, eine schleichende Konterrevolution. Schritt für Schritt verwandeln sich einst demokratische Gesellschaften in neofeudale Postdemokratien, die von der internationalen Finanzoligarchie, von einer neuen Aristokratie des Geldes gesteuert werden.

Der Feudalismus war schon immer die den Führern monotheistischer Religionen gemäße Gesellschaftsform. Wer von diesen Lehren durchdrungen ist, kann, ohne Selbstwiderspruch, kein genuines, sondern allenfalls ein instrumentelles Verhältnis zur Demokratie haben.

Der Kampf geht weiter, muss weitergehen. Bedroht ist alles, was uns heilig ist.